Wie lernen Kinder heute eigentlich am besten? Unsere Marketingleiterin Claudia Sander hat mit Bildungsentwickler Reto Thöny über moderne Lernräume und die Schule der Zukunft gesprochen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Pädagogik, Schulmobiliar und Architektur zusammenwirken müssen, damit selbstständiges Lernen gelingen kann.
Herr Thöny, viele verbinden mit dem Churermodell offene Lernlandschaften und selbstständiges Lernen. Was genau steckt hinter diesem Konzept — und warum wird es heute immer wichtiger?
Reto Thöny: Das Churermodell ist kein offener Unterricht im klassischen Sinne. Es ist eine Anlage, die Möglichkeiten zur Öffnung des Unterrichts schafft und damit einen besseren Umgang mit Heterogenität ermöglicht. Ausgangspunkt ist der Raum als dritter Pädagoge: Die Schulbänke sind nicht mehr in Reihen zur Wandtafel ausgerichtet — das Churermodell gibt dem Lernen buchstäblich Raum. Unterschiedliche Arbeitsplätze mit verschiedenen Ausrichtungen unterstützen die Schülerinnen und Schüler beim konzentrierten Arbeiten. Inputs erfolgen im Kreis, wo Lernaufgaben vorgestellt und besprochen werden, bevor die Lernenden selbst eine Aufgabe wählen und einen passenden Lernort im Schulzimmer aufsuchen. Das Churermodell setzt auf drei Säulen: den Raum, mehr Partizipation und eine gezielte Lernbegleitung.
Sie äussern sich kritisch gegenüber klassischen Flurschulen. Was ist aus Ihrer Sicht das Problem daran?
Reto Thöny: Schulräume sind längst mehr als blosse Hüllen für Unterricht — sie prägen Lernprozesse aktiv mit. Deshalb setzt man heute anstelle der Flurschule auf das Modell der Clusterschule: Drei bis vier Schulzimmer bilden zusammen mit ergänzenden Räumen eine pädagogische Einheit, die auch die Tagesbetreuung einschliesst und über einen gemeinsamen Zugang verfügt. Bei der klassischen Flurschule hingegen dienen die Gänge ausschliesslich der Erschliessung der Klassenzimmer und können aus feuerpolizeilichen Gründen kaum als Lernfläche genutzt werden.
Wenn Lernen selbstständiger wird, verändert das automatisch auch die Rolle der Lehrperson. Was bedeutet diese Entwicklung für Lehrerinnen und Lehrer?
Reto Thöny: In unterschiedlichen Phasen des Unterrichts verändert sich auch die Rolle der Lehrperson. Stark führend und lenkend bei der direkten Instruktion im Inputkreis, beobachtend und beratend in der Phase, in der sich Schüler und Schülerinnen für eine Lernaufgabe aus dem Lernangebot entscheiden, begleitend während der Arbeitsphase und moderierend, wenn es darum geht, das Lernen zu reflektieren. Gleichzeitig müssen Lehrpersonen Aufgabenschwierigkeiten einschätzen, den aktuellen Lernstand der Kinder erkennen und dazu ein passendes Lernangebot zusammenstellen — damit alle vom Unterricht profitieren können. Öffnung braucht Struktur, klare Klassenführung und ein gutes Classroom-Management. Die Erfahrung zeigt, dass Lehrpersonen damit insgesamt gut zurechtkommen: Viele negative Begleiterscheinungen des frontalen Klassenunterrichts entfallen, und individuelle Lösungen werden möglich.
Wenn Sie nach vorne blicken — was braucht Schule in Zukunft besonders?
Reto Thöny: Schule muss Kinder auf eine Welt vorbereiten, die sich ständig verändert. Das braucht flexible Lernräume, die unterschiedliche Formen des Lernens ermöglichen, und Kinder, die lernen, selbstständig zu denken, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Kompetenzen wie kritisches Denken, Kommunikation, Kooperation und Kreativität werden dabei immer zentraler. Lernen entsteht nicht mehr allein dadurch, dass vorne jemand spricht und alle zuhören — Kinder sollen miteinander und voneinander lernen.
Im Zentrum steht aber nach wie vor die Vermittlung fachlicher Grundkompetenzen und die Förderung jedes Kindes entsprechend seinem Potenzial. Schule soll ein guter Ort sein: ein Ort, an dem Kinder sich wohlfühlen, angstfrei lernen und gestärkt werden, den künftigen Herausforderungen mit der Haltung zu begegnen: Ich schaff das!
Herzlichen Dank, Herr Thöny, für das Interview und die spannenden Einblicke.